Aus der Chronik der Stadt Zell a. H. von Ruth Baitsch (1970)
Erweiterung und Fortführung (1938 – 1969) der Disch´schen Chronik
Mit feundlicher Genehmigung der Stadt Zell am Harmersbach
Die evangelische Kirche
In den Jahren vor dem Krieg hatte – seit November 1936 – Pfarrer Chrislieb Schmidt die evangelische Gemeinde Zells von Gengenbach aus betreut. Das tat er auch in den schweren Kriegs- und Nachkriegsjahren, als die Fahrt hierher oft recht beschwerlich war. Als dem Pfarramt Gengenbach 1949 ein Vikar zugewiesen worden war, wurde diesem die Versehung von Zell übertragen. Es war der spätere Pfarrer Wacker, der damals mit dem Fahrrad nach Zell fuhr, um den Gottesdienst abhalten zu können. 1950 wurde durch die Einweisung von Heimatvertriebenen die evangelische Gemeinde so groß, dass Zell von Gengenbach getrennt werden konnte. Die Verlegung des Vikaramtes von dort nach Zell wurde vom Oberkirchenrat Dr. Heidland 1949 verständnisvoll gebilligt, und im Dezember 1950 wurde – auf einen Antrag des Kirchenvorstandes hin – die Kirchengemeinde Zell selbständig . Zur Feier des 20jährigen Bestehens wurde Ende 1969 eine festliche Adventsmusik abgehalten, deren Reinerlös dem Kirchenneubau zugute kam.
Als am 14. Januar 1951 Wilhelm Wacker auf allseitigen Wunsch durch den Landesbischof Dr. Bender feierlich in sein Amt als erster Pfarrer der neuen Gemeinde eingeführt wurde, begann auch ein neuer Abschnitt der Geschichte dieser Gemeinde. Pfarrer Schmidt durfte diesen Tag leider nicht mehr erleben; tags zuvor wurde er beerdigt.
Hatte der vormalige Vikar bereits Oberharmersbach und Nordrach neben Zell betreut, so kamen für den Pfarrer Wacker jetzt noch Biberach, Nordrach-Kolonie, Unterharmersbach, Unter- und Oberentersbach dazu. Unter der Seelsorge des neuen Geistlichen entwickelte sich reges kirchliches Leben. Am 11. März wurden 22 Kinder konfirmiert – im Vorjahr waren es nur 8 gewesen -, davon waren 18 junge Flüchtlinge. Besonders gute Erfahrungen wurden mit Ostpreußen, Pommern und Schlesiern gemacht, denn sie waren nicht nur kirchlich, sondern auch kirchlich aktiv. Seit 1952 strömten Flüchtlinge aus Sachsen und Thüringen ins Tal, darunter viele Bauern. Es bedurfte großer Geduld, bis die so verschiedenen Volkscharakteren der einheimischen und zugereisten Menschen langsam zusammenzuwachsen begannen.
Bibelstunden fanden statt, und Jugendkreise wurden abgehalten. Seit April 1951 waltet auch ein Kirchendiener, Herr Patschkowski, seines Amtes. Einmal monatlich wurden Gottesdienste in Biberach, Oberharmersbach und Nordrach gehalten; die anderen Besucher kamen aus Zell; einen Großteil der Kirchgänger bildeten die Kurgäste. Die für alle Konfirmanden zur Pflicht gemachten Besuche der Christenlehre wurden nur in Zell durchgeführt; der Kindergottesdienst, ursprünglich allein in Zell abgehalten, wurde später auch auf Oberharmersbach ausgedehnt. Der normale Religionsunterricht wurde für alle Klassen sowohl in Zell als auch in Nordrach und Oberharmersbach abgehalten; in Biberach und Unterharmersbach war er auf die ersten vier Volksschulklassen beschränkt.
Seit Ostern 1953 wurde am Ostersonntag bei Sonnenaufgang eine Auferstehungsfeier auf dem Friedhof gehalten; seit 1949 gab es auch Waldgottesdienste, zu Sylvester den Mitternachtsgottesdienst. Besonders schön wurde der gemeinsame Kirchentag im Jahre 1952 für alle sieben Gemeinden im Stadtpark anläßlich des 100jährigen Jubiläums begangen; einhundert Jahre zuvor war von Offenburg aus der erste evangelische Gottesdienst für die Zeller Protestanten gehalten worden.
Taufen wurden grundsätzlich in den Gottesdienst einbezogen; bei Beerdigungen fand die Aussegnung im Haus oder Krankenhaus, die Feier aber auf dem Friedhof statt. So ist es bis heute geblieben.
Im Oktober 1957 wurde die erste Ordination gefeiert, als der Zeller Mitbürger Dieter Paul durch den Dekan von Lahr, Zeilinger, zum Amt des Pfarrers ordiniert wurde und seine erte Predigt heir hielt.
Die freundschaftlichen Beziehungen des jungen Pfarrers Wacker zu dem etwa gleichaltrigen damaligen Kaplan Amann bildeten eine gute Basis für gemeinsame Arbeiten, die sich immer wieder als notwendig erwiesen, ob es sich nun um Feiern am Volkstruaertag oder die Einweihung öffentlicher Gebäude, um Ansprachen bei weltlichen Veranstaltungen – wie etwa der 700-Jahr -Feier von Zell- oder besondere Ehrungen handelte. Zur Einweihung des Jugendheimes zum Beispiel stiftete die evangelische Kirchengemeinde fünf Stühle; der katholische Stiftungsrat wiederum stellte den neuen Saal mit Heizung kostenfrei bei einem evangelischen Jugendtreffen zur Verfügung.
Nach acht Jahren intensiver Arbeit erhielt Pfarrer Wacker eine ehrenvolle Berufung nach Heidelberg und nahm Abschied im Mai 1958. Sein Nachfolger Pfarrer Eberhard Fink, hat inzwischen schon sein 10jähriges Walten hier in Zell feiern können.
Es hat sich als notwendig erwiesen und wurde im gleichen Jahr auch in Angriff genommen: der Bau eines Gemeindehauses! Architekt Fritz Lehmann und Bauunternehmer Cölestin Lehmann leiteten die Arbeiten; am 1. September erfolgte bereits die Grundsteinlegung des Hauses. Den ersten Spatenstich jedoch hatte der damals in Zell weilende Pfarrer Wacker getan. Das Gemeindehaus erhielt den Namen „Kaspar-Hedio-Haus“, nach dem Straßburger Reformator. Mit dieser schönen Geste wurde wiederum die Freundschaft der Gemeinden und Familien diesseits und jenseits des Rheines gefördert. Das Gebäude dient gleichzeitig als Gemeinde- und als Pfarrhaus, jedoch erweist sich der geschmackvoll angelegte Saal bereits jetzt als zu klein, um alle Besucher der sorgfältig ausgewählten Veranstaltungen bequem fassen zu können. 1959 wurde ein Bazar im katholischen Jugendheim eröffnet, um zunächst die noch auf dem Gebäude ruhende Schuldenlast zu tilgen; er brachte schöne Erfolge.
Da schon 1953 durchschnittlich 145 Gottesdienstbesucher gezählt wurden, erwies sich auch die 1901 für ca. 50 Protestanten erbaute kleine Kirche bald als nicht mehr ausreichend. Die daran auftretenden Risse und Fundamentsenkungen ließen einen Neubau mehr als gerechtfertigt erscheinen. Aber erst jetzt reifte der Plan der Vollendung entgegen. Ein Lageplan und ein Baugesuch wurden im November 1968 vorgelegt. Der Platz liegt oberhalb des Anwesens von Dr. Michels. 1969 erfolgte der 1. Spatenstich.
Eine erlesene Gemeindebücherei, 1955 begründet und seither wesentlich bereichert, steht den Gemeindemitgliedern zur Verfügung. Auch das kirchenmusikalische Leben wurde weiter ausgebaut., in dem der Posaunenchor eine besondere Rolle spielt. Als im Jahre 1964 sich nach der katholischen auch die evangelische Kirche Zells mit Dettweiler geschwisterlich vereinigte, bot der sorgfältig zusammengestellte Kirchenchor eine festliche, zu Herzen gehende Abendmusik dar. Auch dies war ein Beitrag zu dem Bestreben, in christlicher Liebe alles Trennende zu überwinden und das Verbindende zu suchen.
Die Kirchenältesten 1967/68 setzen sich zusammen aus:
Aus Zell: Liesel Burger, Charlotte Steuerwald, W. Patschkowski, A. Wolf
Aus Unterharmersbach: W. Selzer, P.Neubauer
Im gleichen Kirchenjahr wurden 25 Kinder konfirmiert im Jahre 1968 12, 1969 10.
Zum Schluß mögen noch einige statistische Werte Aufschluß über die Religionszugehörigkeit innerhalb der einzelnen Gemeinden geben:

Eine geringfügige Differenz ist auf Andergläubige zurückzuführen: Ev. Luth. Freikirche, Adventisten, Mormonen, Neuapostolische Kirche, Zeugen Jehovas.
Von diesen dürfte die Neuapostolische Gemeinde mit 17 Anhängern die meisten Mitglieder zählen. 1966 erbauten sie eine eigene Kirche an der Oberentersbacher Straße, die 100 Personen faßt. Aus der ganzen Umgebung kamen etwa 150 Anhänger zu ihrer Einweihung.
